Kurzanalyse: Meister soll künftig alle Monteure führen

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Kurzanalyse: Meister soll künftig alle Monteure führen
Photo by David Brooke Martin / Unsplash

Kurzanalysen sind echte Fälle aus echten Betrieben, die mir seit 15 Jahren Beratungspraxis begegnen.

Ausgangssituation:

Ein Elektrohandwerksbetrieb mit 15 Mitarbeitern sagt:

„Unser Meister soll künftig alle Monteure führen und mehr Verantwortung übernehmen. Wir sind aber unsicher ob das funktionieren wird.“

Eine Unsicherheit, die mir sehr häufig begegnet!
Genau deshalb, ist es wichtig sich erstmal die richtige Frage zu stellen.

Die entscheidende Frage lautet:

Unter welchen Bedingungen kann das funktionieren?

Beobachtung 1

Der Chef und Inhaber des Unternehmens, ist heute Ansprechpartner für:

  • Urlaubsfragen,
  • Materialprobleme,
  • Baustellenkonflikte,
  • technische Rückfragen,
  • Kundenthemen,
  • Reklamationen.

Der Meister übernimmt bereits heute viele dieser Themen informell.
Er wird von den Monteuren akzeptiert und fachlich respektiert.

Erste Einschätzung

Die Grundidee ist sinnvoll.

Es gibt bereits eine natürliche Führungsperson im Betrieb. Eine komplett neue Stelle von außen aufzubauen würde lange dauern und wäre wahrscheinlich teurer und riskanter.


Beobachtung 2

Der Meister entscheidet bereits vieles selbst.

Bei kritischen Entscheidungen fragt er allerdings häufig beim Inhaber nach:

  • Darf ein Monteur von einer Baustelle abgezogen werden?
  • Darf Material nachbestellt werden?
  • Darf er einem Kunden einen Nachlass oder Nacharbeit zusagen?
  • Darf er einen Mitarbeiter deutlich kritisieren?
  • Darf er Überstunden anordnen?

Hier zeigt sich:

Der Meister übernimmt Aufgaben, aber noch keine klar definierte Verantwortung.

Beobachtung 3

Der Chef sagt:

„Er könnte längst mehr entscheiden. Er muss es einfach machen.“

Der Meister sagt:

„Wenn ich unsicher bin, was ich entscheiden darf oder wann der Chef es anders haben will, frage ich lieber drei mal nach.“

Beide Sichtweisen können gleichzeitig stimmen.

Der Meister könnte mutiger sein.

Der Chef könnte klarer führen.

Die Analyse muss daher nicht zwingend einen Schuldigen finden. Sie muss sichtbar machen, wo das System Unsicherheit produziert.


Der Belastungstest

Angenommen, der Meister wird morgen offiziell zum verantwortlichen Leiter der Monteure erklärt.

Aber:

  • Entscheidungsgrenzen bleiben unklar,
  • der Inhaber wird weiterhin direkt von den Kunden und Monteuren angerufen,
  • der Inhaber korrigiert Entscheidungen des Meisters vor den Mitarbeitern,
  • operative Aufgaben des Meisters bleiben unverändert.

Was passiert dann?

Dann trägt der Meister zwar formal mehr Verantwortung, hat praktisch aber kaum mehr Einfluss.

Das Ergebnis wäre wahrscheinlich:

  • höhere Belastung,
  • Frustration,
  • Autoritätsverlust,
  • weiterhin Rückfragen beim Inhaber,
  • Keine Entlastung für den Chef,

Die Idee wäre nicht falsch.

Sie wäre nur unvollständig umgesetzt.


Kapazitätsprüfung

Der Meister arbeitet heute durchschnittlich:

  • 30 Stunden operativ auf Baustellen,
  • 5 Stunden Arbeitsvorbereitung,
  • 5 Stunden Rückfragen und Abstimmung.

Künftig soll er zusätzlich übernehmen:

  • Wochenplanung,
  • Mitarbeitergespräche,
  • Qualitätskontrolle,
  • Eskalationen,
  • Kapazitätssteuerung.

Dafür werden realistisch weitere 8 bis 12 Stunden pro Woche benötigt.

Wenn seine operative Arbeit nicht reduziert wird, entsteht keine zweite Führungsebene.

Es entsteht lediglich:

ein überlasteter Meister mit zusätzlichem Titel.

Wirtschaftliche Betrachtung

Angenommen, der Inhaber verbringt heute täglich zwei Stunden mit operativen Führungsfragen.

Bei 220 Arbeitstagen sind das:

440 Stunden pro Jahr.

Gelingt es, davon 70 Prozent belastbar zu verlagern, werden rund:

300 Unternehmerstunden pro Jahr frei.

Diese Zeit kann eingesetzt werden für:

  • Kalkulation,
  • Mitarbeiterentwicklung,
  • Kundenauswahl,
  • strategische Projekte,
  • Nachfolge,
  • persönliche Entlastung.

Die Einrichtung der zweiten Ebene ist damit nicht nur ein Führungsthema. Sie ist ein wirtschaftlicher Hebel.


Wahrscheinliches Ergebnis

Die Ausgangsthese bestätigt sich:

Der Betrieb braucht eine zweite Führungsebene, und der Meister ist grundsätzlich ein geeigneter Kandidat.

Die Analyse ergänzt aber drei notwendige Voraussetzungen:

  1. Seine operative Arbeitsbelastung muss reduziert werden.
  2. Seine Entscheidungsbefugnisse müssen schriftlich und praktisch geklärt sein.
  3. Der Inhaber muss "aktiv abgeben" und darf ihn nicht um,- oder übergehen.

Konkrete Empfehlung

Für die nächsten acht Wochen gilt, 4 konkrete Punkte umsetzen:

1. Verantwortungsbereich definieren

Der Meister übernimmt z.B. verbindlich:

  • tägliche Monteursteuerung,
  • kurzfristige Baustellenumbesetzung,
  • Qualitätseskalationen,
  • erste Konfliktklärung,
  • Rückmeldung zur Arbeitsleistung.

2. Entscheidungsgrenzen festlegen

Beispielsweise:

  • Materialfreigaben bis 2.500 Euro,
  • Preisnachlässe bis 500 Euro,
  • Umplanung innerhalb der bestehenden Wochenkapazität,
  • Überstunden bis zu einem definierten Rahmen.

3. Direkte Rückfragen umlenken

Rufen Monteure den Inhaber zu operativen Themen an, verweist er konsequent auf den Meister.

4. Wöchentliches Führungsmeeting

Hier geht es nicht um Baustelle A, B oder C. Es geht ausschließlich um Führungsthemen zwischen Inhaber und Meister!

30 Minuten:

  • Welche Entscheidungen wurden getroffen?
  • Wo war die Grenze unklar?
  • Wo hat der Inhaber eingegriffen?
  • Was muss nachgeschärft werden?

Fazit

Die richtige Lösung wurde wahrscheinlich bereits erkannt. Sie muss jedoch organisatorisch so ausgestaltet werden, dass sie tatsächlich funktionieren kann.